Marine Geohydrologie
DGH-Effekt und marine Süßwasserquellen
(Beispiele an Nord- und Ostsee)
Ortlam,
D.*
Bereits im Jahre 1887 entdeckten die beiden Holländer DRABBE
und GHIJBEN auf der Suche nach Süßwasser unter Amsterdam (Niederlande) das labile
Tauchgleichgewicht zwischen dem leichten Süßwasser und dem im tieferen
Untergrund vorhandenen schweren Salzwasser der intrudierenden Nordsee. Dieses
auf dem bekannten Archimedischen Prinzip aufbauenden System zweier nicht
mischbarer Flüssigkeitsphasen wurde dann vom Deutschen HERZBERG im Jahre 1901
im Bereich aller Ostfriesischen Inseln (Deutsche Nordseeküste) durch
entsprechende hydrogeologische Untersuchungen im Zeitabschnitt 1885-1889
mathematisch-physikalisch genau erfasst (H2 = 37 x H1)
und beschrieben (Abb. 1). Zu Ehren dieser drei bedeutender Forscher wurde diese
auf der ganzen Welt zu beobachtende Beziehung als DGH-Effekt in die
Literatur eingeführt (ORTLAM 1989, ORTLAM & SAUER 1993, 1996, 1999, ORTLAM
2000):
Bei einer (Nordsee-)Meerwasserkonzentration von 2,9%
Gesamtsalzgehalt, entsprechend einem spezifischen Gewicht von ~1,027g/cm3,
ergibt sich ein Verhältnis von 1:37, d. h. bei einer Süßwasserspiegel-Auflast
von 1m +NN ergibt eine Eintauchtiefe der Süßwasserlinse von 37m –NN. Das
bedeutet ein Anstieg der in Porengrundwasserleitern sehr scharf gezogenen Süß-/
Salzwasser-Grenze von 37m nach oben als Folge einer Absenkung des
Süßwasserspiegels um nur 1m. Im östlichen Mittelmeer mit seinem höheren
Salzgehalt von 3,5% (spezifisches Gewicht von ~1,033g/cm3) ergäbe
sich ein entsprechender Anstieg der Grenze um 30m.
Bei Brackwasserverhältnissen wie z. B. in der westlichen
Ostsee mit etwa 1,4% Gesamtsalzgehalt (spezifisches Gewicht von ~1,013g/cm3)
würde die Süß-/Salzwasser-Grenze aber um 75m ansteigen. Dieses Spiel lässt sich
aber bei zunehmender Verdünnung der unterliegenden schweren Phase nur solange
fortsetzen, bis -- bei einsetzender Diffusion und Mischung der beiden Phasen –
sich keine scharfe Süß-/Salzwasser-Grenze mehr ausbilden kann, d. h. das Tauchgleichgewicht
der beiden Flüssigkeitsphasen kommt dann nicht mehr zum Tragen. Wo genau diese
Konzentrationsgrenze zur beginnenden Diffusion liegt, ist bis heute noch nicht
erkundet und harrt noch auf eine Lösung. Wahrscheinlich beginnt der kritische Bereich
bei einem Gesamtsalzgehalt von <1% (spezifisches Gewicht von <1,008g/cm3),
wobei dann kein DGH-Effekt mehr zu beobachten sein wird.
In der nacheiszeitlichen Abschmelzphase lag der Ozeanspiegel
bei ~125m –NN und stellte somit das allgemeine Welt-Vorflutniveau dar, auf das
alle Süßwasserzuflüsse von der Landseite ausgerichtet waren. Der
Grundwasserabfluss kam aber in den glazialen Regionen erst in Gang, als sich
die tiefreichenden Permafrostböden (bis 300m Tiefe) im frühen Holozän
auflösten. Als dies geschah, gab es an den damals tiefer liegenden Küstenlinien
sowohl Süßwasser-Strandquellen als auch Meerwasser-Intrusionen ins Binnenland.
Dieser Fingering-Effekt (hiermit) setzte sich dann bei weiter steigendem
Meeresspiegel fort, unter Beibehalt der Lokationen der bisherigen
Süßwasserquellen.
Während an
Festgesteinsküsten gewaltige, submarine Kluft- und Karstquellaustritte seit
langem, z. B. im Mittelmeer-Raum, bekannt sind (SCHWERDTFEGER 1981) und z. T.
genutzt werden, sind die submarinen Quellaustritte an Lockergesteinsküsten kaum
recherchiert. Im Bereich der deutschen Nordseeküste sind solche strandnahen
Süßwasserquellen bei direktem Geestkontakt mit der Küste vor allem bei Ebbe zu
beobachten, wie dies vor allem bei Duhnen-Sahlenburg W Cuxhaven bei hohen
Grundwasserspiegelständen der direkt angrenzenden (Altenwalder) Geest der Fall
ist (Abb. 2).
Dabei entstehen in den strandnahen Dünensanden regelrechte
Süßwasser-Eruptionskrater und -rinnen – unter Freilegung von etwaigen
Schlickauflagerungen durch den starken artesischen Quell-Auftrieb. Diese
flachen Süßwasserquellen (= onshore freshwater spots, OFS nach ORTLAM 2000)
sind in ihrer Genese jünger einzustufen als die wesentlich älteren und tiefer
liegenden, marinen Süßwasserquellen (= submarine freshwater spots, SFS,
hiermit) am Grunde der heutigen Nordsee. Letztere werden durch lange
Süßwasserablaufröhren (freshwater current pipes, FCP nach ORTLAM 2000, 2001)
aus den nahen Geest-Grundwasserleitern gespeist. Eine solche
Süßwasserablaufröhre mit einer in den 80er Jahren getesteten Förder-Kapazität
von >1 Mio m3/a wurde im Fischereihafen von Bremerhaven Mitte der
80erJahre entdeckt (Abb. 3).
Diese Entdeckung ließ auf ein großräumig angelegtes
Fingering-System (hiermit) an der Deutschen Nordseeküste zwischen landseitig
intrudierendem Nordseewasser und der gegenläufigen Bewegung des zur Nordsee
auslaufenden Geest-Grundwassers schließen. Einige (warme) marine
Süßwasserquellen wurden danach auf Infrarotfotos der DLR (Oberpfaffenhofen) in
der winterlich-kalten Nordsee bereits ausgemacht. Eine genaue Lokalisation mit
einem Schiff steht aber noch aus.
Auch im Bereich der westlichen Ostsee konnten bereits
submarine Süßwasserquellen z. B. in der Eckernförder Bucht nachgewiesen werden
(BOHRMANN & SAUTER 1999, SCHLÜTER et al. 2004). Dabei wurden mit Hilfe von
Unterwasserfahrzeugen bis zu 300m lange Süßwasseraustrittsstellen erkundet (=
pockmarks nach BOHRMANN & SAUTER 1999), die i. d. R. mit Methan-Emanationen
verbunden sind. Der berechnete Süßwasser-Eintrag bewegt sich zwischen 4 Mio und
57 Mio m3/a, wobei der letzte Wert in Bezug auf die Größe der
landseitigen Grundwasserneubildung wahrscheinlich zu hoch gegriffen scheint und
entsprechend überprüft werden sollte.
Die in den bisherigen
hydrologischen Lehrbüchern vertretene Ansicht, dass >90% des landseitig
gebildeten Süßwassers über die Flusssysteme in die Meere verbracht werden,
entspricht sehr wahrscheinlich nicht den hydrogeologischen Realitäten an den
verschiedenen Fest- und Lockergesteinsküsten unserer Erde. Es ist mit einem
erheblich höheren submarinen Süßwasser-Austrag von >30% zu rechnen, der
allerdings noch im Rahmen des neuen Fachgebietes „Marine Geohydrologie“
(= Lehre von allen submarinen Süßwassertransfers) zu erforschen ist. Dabei
sollte diese Erkundung vor allem in den semiariden bis ariden Küstenabschnitten
unserer Erde zukünftig eine bedeutende Rolle spielen, um neue
Grundwasser-Ressourcen für die Nutzung von Trink- und Brauchwasser zu
erschließen: ein wichtiger Beitrag zur Friedensforschung unter dem Aspekt der
zunehmenden Weltbevölkerung und den zunehmenden Verteilungskämpfen nach Wasser.
BOHRMANN; G. & SAUTER;
E. J. (1999): Süße Quellen in der Ostsee. – GEO, 1999/9:158-162.
DRABBE, J. & GHIJBEN, W. B.(1887): Nota in verband met
de voorgenomen putboring nabij Amsterdam. – Tijdschr. v. h. kon. Inst. v. Ing., 1888/89:8-22.
EDMUNDS, W. M. & MILNE,
C. J. (2001): Paleowaters in Coastal Europe: evolution of groundwater since the
late Pleistocene. – Geol. Soc. Spec. Publ. 189, 344 S..
HERZBERG, A. (1901): Die Wasserversorgung einiger
Nordseebäder. – Schilling’s Journal f. Gasbeleuchtung u. verwandte
Beleuchtungsarten sow. f. Wasserversorgung, 44/45:815-819/842-844.
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Salzwasserfronten im Untergrund von Bremen und ihre Auswirkungen. – N. Jb. Geol. Paläont. Mh., 1989/8:489-512.
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– gwf Wa.-Abw., 141/12:865-873.
ORTLAM, D. (2001): Geowissenschaftliche Erkenntnisse über
den Untergrund Bremerhavens in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung. – Brem. Jb., 80:181-197.
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Grundwasserkartierung Bremen und Erläuterungen. – 29 S., 60 Ktn.
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Grundwasser-Kartierung in einem urbanem Raum am Beispiel der Stadt Bremen. –
Arbeitsh. Wasser, 1999/1:1-26, 24 Ktn. (eingestampft vom NLfB).
ORTLAM, D. & SAUER, M.
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SONREL, L. (1880): Le fond de la mer. – 4. Aufl., 320 S..
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Abb. 1: Auswirkungen des
DGH-Effektes im Untergrund einer Meeresinsel bzw. eines Kontinents mit
Strandquelle und Süßwasserablaufröhre (=FCP) mit Meeresquelle (submarine
freshwater spot=SFS). |
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Abb. 2: Hydrogeologischer
Schnitt Insel Neuwerk--Altenwalder Heide mit Strand-Süßwasserquellen bei
Duhnen/Sahlenburg W Cuxhaven. |
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Abb. 3:
Hydrogeologischer Schnitt Bremerhaven mit Nordseewasser-Intrusion im oberen Grundwasserleiter
und einer Süßwasserablaufröhre (freshwater current pipe=FCP) im unteren
Grundwasserleiter (halbschematische Darstellung). |
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und Copyright: Dir. und Prof. Dr. Dieter
Ortlam, P.O.B. 102701, D-28027 Bremen.