Poster-Kurzfassung der 68.Tagung der Arbeitsgemeinschaft NW-deutscher Geologen

Bremerhaven 05.-08. 06. 2001

Subglaziale Hohlformen als Faziesanzeiger für Eisbedeckungen in Mitteleuropa und der Welt

Dir. u. Prof. Dr. Dieter Ortlam, P.O.B. 102701, 28027 Bremen

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Bei ausgedehnten Fuß-Exkursionen (>6000 km) durch viele Mittelgebirge Zentraleuropas wurden seit 40 Jahren zahlreiche Hohlformen mit prägnanten Abflußrinnen beobachtet und kartiert. Sie befinden sich ausschließlich in exponierter Lage auf Felskuppen in Gipfelpositionen relativ schwer zugänglicher Gebirgsrücken. Diese Hohlformen können aufgrund ihrer prägnanten natürlichen Ausformung im Vergleich mit den alpinen und grönländischen Vorkommen als Dach- und Seitengletschertöpfe identifiziert werden und zeichnen in ihrer großen Formvielfalt die mannigfachen Wege abstürzender subglazialer Schmelzwässer nach. In einigen Fällen (u.a. Harz, Schwarzwald) konnten sogar autochthone Mahlsteine als Xenolithe in und außerhalb von Gletschertöpfen nachgewiesen werden. Manche Gletschertopfgruppen stehen untereinander in Kaskadenanordnung, bei anderen beobachtet man Durchdringungsphänomene in Form von Olympischen Ringen. Von der Exposition der Gletschertöpfe lassen sich Dachgletschertöpfe mit überwiegend vertikaler Wasserstrudeldrehachse und Seitengletschertöpfe mit überwiegend horizontaler Wasserstrudeldrehachse unterscheiden, wobei es Übergänge beider Typen zueinander gibt. Zusammen mit den immer vorhandenen Gletschertopf-Ausflußschnäbeln und den daran anschließenden Abflussrinnen mit oft chaotischem Verlauf sowie keinen menschlichen Bearbeitungsspuren ergibt sich keine anthropogene Genese dieser Hohlformen, wie dies von archäologischer Seite bisher vermutet wurde (= Opferschalen, nicht zu verwechseln mit den wesentlich kleineren Schalensteinen). Es ist jedoch wahrscheinlich, daß der Mensch die vorhandenen Hohlformen lokal für seine Zwecke später nutzbar gemacht hat (z.B. als Wasserstelle/natürliche Zisterne, Mörser, Vorratsstelle, Opferplatz, Feuerstelle, Rauchmeldeübermittlung von Infos, tibetisches Luftbegräbnis, keltisches Initial-Urnenbegräbnis etc.). Auch die bisherige geowissenschaftliche Erklärung als Verwitterungshohlformen scheidet mit folgenden Gründen aus:

gleiche Verwitterungsintensität (Glätte/Rauhigkeit) in und außerhalb der Hohlformen, Existenz von Abflußschnäbeln und -rinnen, Anordnung der Hohlformen in Kaskaden und als Olympische Ringe, keine gleichmäßige Verteilung über die Felsgruppen, Auftreten von Mahlsteinen, kreisrunde bis ovale Hohlformen chaotisch wechselnd auf einer Lokalität, bei konglomeratischen Substraten: Halbierung der Quarzgerölle in der Hohlform und Herauswitterung der ganzen Quarzgeröllen außerhalb der Hohlform, Vorkommen dieser -- alle ähnlich gestalteten -- Hohlformen auf allen festen Massegesteinen mit großen Kluftabständen (u.a. Granit, Ortho-Gneis, Sandstein, Konglomerat, Kalkstein, Basalt, Diabas, Porphyr, Quarzit).

Der Nachweis von Gletschertöpfen gelang bisher in Höhen zwischen 300m NN im nördlichen Harzvorland (unter Eisbedeckung) sowie 400 m NN im Habichtswald, dem Nord-Elsaß, dem Nord-Schwarzwald (bisher eisfreie Gebiete) und 1400 m NN im Riesengebirge (bisher nur lokale Vergletscherungen angenommen). In folgenden zentraleuropäischen Mittelgebirgen konnten bisher subglaziale Hohlformen (>3000 Stück) kartiert werden: Teutoburger Wald, Deister, Harz, Erzgebirge, Elbsandsteingebirge, Lausitzer Gebirge, Iser-/Riesengebirge, Hörre, Rothaargebirge, Habichtswald, Thüringer Wald, Fichtelgebirge, Vogelsberg, Pfälzer Wald, Odenwald, Schwarzwald, Fränk.-/Schwäb. Alb, Oberpfälzer Wald, Böhmer Wald, Bayerischer Wald, Waldviertel/Dunkelsteiner Wald (Österreich), Sauerschweiz (BRD/Luxemburg), Hohes Venn (BRD/Belgien), Vogesen/Forèt de Fontainebleau (Frankreich).

Eine bisher zeitlich nicht datierbare Inlandeisüberschiebung (präsaalezeitlich) in diesen Mittelgebirgen wird z.B. im Harz noch durch folgende Beobachtungen unterstrichen: Vorkommen von Kreidefeuersteinen und Buntsandsteingeröllen aus dem Vorharzbereich im Brockenfeld, zahlreiche Geröllschweife in Leepositionen hinter subglazialen Nunatakern z.B. Achtermannshöhe, Acker-Bruchberg, Granit-Erratikas auf paläozoischem Sedimentuntergrund z.B. am Sonnenberg, Käste/Rohrtanz, Grundmoränen als undurchlässige Substrate für die holozäne Moorentwicklung u.a. in der nördlichen Torfhaus-Inlandeisrampe und dem Brockenfeld (600-800m NN) sowie im Hohen Venn (Belgien, 600-700m NN). Wegen der Dachgletschertopfvorkommen auf dem Harzer Brocken (1140m NN) und dem Riesengebirgskamm (bis 1400m NN) sowie den übrigen Mittelgebirgen bei einer – bisher zeitlich noch unbekannten – pleistozänen Kaltzeit muß mit Inlandeismächtigkeiten von 1000m bis 1500m und keinen eisfreien (periglazialen) Gebieten nördlich der Alpen gerechnet werden. Nach Auskunft tschechischer Geowissenschaftler der Universität Prag (u. a. Prof. Dr. Jan Kalvoda) konnten sogar noch Rapakiwi-Gerölle in den Moldau-Terrassen nachgewiesen werden. Die Inlandeise von Skandinavien und den Alpen haben sich in einer -- bisher noch nicht datierbaren – Kaltzeit "geküsst". Was nicht überraschend wäre, weil das nordamerikanische Inlandeis bis auf 38° N vordrang, was in Europa aber der Breite von Neapel entspricht. Der Golfstrom fiel während den diversen Kaltzeiten als wärmendes Element für Europa aus (dropstones N der Kanaren!).

Literatur:

Ortlam, D.: (1994) Subglaziale Hohlformen im außeralpinen Mitteleuropa.- Jber. u. Mitt. oberrhein. geol. Ver., N.F.                 76:351-394, 30 Abb., Stuttgart